Schottland 2020

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am Loch Ewe

Sonntag, 20. September

Gut, daß wir ein Ferienhaus und keine Wohnung gemietet haben. Das bei der Endreinigung der Bude entstehende Herumgerumpel am frühen Morgen hätte sehr wahrscheinlich alle Nachbarn genervt und der Karriere unser Vermieterin als Superhost bei AirBnB ein abruptes Ende bereitet. Aber schnell und leise können wir als Männer einfach nicht. Ist heute glücklicherweise egal.ALT Ich finde sogar noch die Zeit, unserer Gastgeberin Karen ein paar nette Zeilen als Bewertung für die Unterkunft zu hinterlassen.
Eine Stunde vor der Abfahrt erscheinen wir am Hafen von Stornoway. Die in Deutschland gebaute Fähre mit dem wohlklingenden gälischen Namen “Loch Sioporth” ist heute wieder unser Transportmittel. Beim Boarding suchen wir uns zwei bequeme Sessel mit Meerblick, der sich allerdings in den ersten beiden Stunden der Fahrt gar nicht einstellen will. Es ist so nebelig, daß man kaum die Hand vor Augen sehen kann. Nehmen wir lieber noch eine Mütze Schlaf. Zur Halbzeit der Fahrt statten wir dem Bordbistro einen Besuch zum zweiten Frühstück ab. Wer weiß, wann es wieder was zu Essen gibt.
Obwohl man vor drei Tagen bei der Überfahrt nicht viel mehr als ein paar eindrucksvolle Silhouetten zu sehen bekam, hat uns die Küstenlandschaft der westlichen Highlands gleich in ihren Bann gezogen. Heute wählen wir deshalb auf unserem Weg in das nächste Quartier in Fort William nicht die kürzeste Strecke, sondern eine “scenic route”. Zeit für ausgedehnte Fotostops haben wir. Mal sehen, was uns auf der 300 Kilometer langen Route erwartet.ALT Zunächst beginnt die Szenerie mit highland-üblichen grünen Hügeln und ein paar geschickt davor plazierten weißen Häusern, meinem foto­grafischen Lieblingsmotiv…
Nach ungefähr 60 Kilometern nimmt die A832 zum ersten Mal Kurs auf die Küste, und sogleich kommen einige schöne Aussichten an uns vorbei. Besonders markant ist dabei die Bucht Loch Ewe mit ihrem großen natürlichen Hafen, der im Zweiten Weltkrieg gleichzeitig als Sammelplatz und Reparaturstützpunkt für die alliierten Nordmeer-Geleitzüge in Richtung Sowjetunion diente. Auch heute immer noch militärisches Sperrgebiet, darum gibt es hier kaum Parkmöglichkeiten entlang der Straße. Aber wir finden eine Stelle, wo wir halten und mit unseren Teleobjektiven die Bucht ins Visier nehmen können.
Die nächsten 90 Kilometer ziehen sich dann relativ motivarm dahin, bis wir in Kinlochewe den Abzweig zum “Ben Eighe Natural Reserve” nehmen. Ab hier sieht die Landschaft rechts und links der Strecke der isländischen Westfjorde-Region verblüffend ähnlich und ruft damit überaus angenehme Erinnerungen an die gelungene Rundreise durch die Vulkaninsel von 2013 wach. Nach 50 Kilometern erreichen wir wieder die Hauptstraße und nutzen das sonnige Wetter für einen Boxenstopp beim Restaurant “Carron”, das mit original schottischer Küche wirbt und durch einen Biergarten unter Bäumen und mit Aussicht auf das Loch Carron unser Interesse geweckt hat.ALT Ein Drittel der Strecke haben wir jetzt noch vor uns. Darum legen wir unterwegs keine weiteren Halte ein, sondern fahren zügig durch bis nach Fort William.
Die Stadt eignet sich hervorragend als Ausgangsbasis für Schottland-Reisen, denn sie bietet nicht nur eine gute Auswahl an Unterkünften sowie ordentliche Restaurants und Pubs, sondern auch viele touristische Highlights in der näheren Umgebung. Für den frühen Abend haben wir uns noch ein Fotomotiv vorgenommen, bevor wir gleich in unser neues Quartier einziehen. Unweit der Einfahrt zur Schleuse des Caledonian Canal liegt am Ufer von Loch Linnhe ein ausrangiertes Fischereischiff. Gerade ist Ebbe, das Licht paßt auch noch, und weit laufen muß man nicht. Nachdem wir diesen No-Brainer abgearbeitet haben, suchen wir unsere heutige Unterkunft. Die Acorn Lodge liegt mitten in der Stadt, ist aber so gut zwischen dichten hohen Bäumen getarnt, daß wir die schmale Einfahrt zum Grundstück gleich zweimal verpassen.
Das Haus selbst liegt auf einem Felsen und ist über eine schmale Holzbrücke erreichbar, die vom Carport aus über einen Bach und durch einen kleinen Berggarten hinauf zur überdachten Terrasse führt. Hier ist alles selbst gebaut, und vor allem waren Profis am Werk. Individuelle und perfekt eingepaßte Möbel aus massivem Holz, eine Sauna und vor allem die vom Lärm der Stadt abgeschirmte Lage machen die Acorn Lodge zu einem ganz besonderen Highlight. Jeder von uns kriegt sein eigenes Zimmer. Meine Fenster öffnen sich zum Bach hin – top Soundtrack zum Einschlafen!

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Schiffswrack am Loch Linnhe

Montag, 21. September

Weil heute laut Forecast das Wetter ziemlich trübe werden soll, legen wir einen Ausruhtag ein. Beim Abwasch nach dem Frühstück hören wir dank offener Terrassentür von Ferne das typische Tröten einer Dampflok. Hier in Fort William fährt der “Harry-Potter-Expreß” ab, und ganz in der Nähe befindet sich der aus den Filmen bekannte Viadukt. Das wäre doch ein ideales Ziel für einen kleinen Ausflug. Fotosachen liegen eh schon bereit – also auf nach Glenfinnan! Am Zielort gestaltet sich die Parkplatzsuche recht schwierig, weil die Brücke bei den vielen Fans der Harry-Potter-Bücher und Filme natürlich ein beliebtes Fotomotiv ist.ALT Wir müssen uns daher mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Bahnhof begnügen. Wenn wir noch einen guten Standort finden wollen, bevor der Zug hier vorbei kommt, sollten wir uns ein wenig sputen.
Gegen 15 Uhr haben wir eine passable Stelle gefunden, bauen unser Equipment auf, und wenig später passieren gleich zwei Züge in unterschiedlichen Fahrtrichtungen die Brücke. Eigentlich könnten wir es dabei bewenden lassen, aber jetzt sind wir doch wieder fotografisch angefixt und suchen per App nach Fotospots in der Nähe. Das Castle Stalker, etwas westlich von Fort William, wäre in einer Stunde Fahrt zu erreichen. Als wir dort eintreffen, kehrt die Flut gerade zurück. Weil wir keine 08/15-Bilder vom Parkplatz aus knipsen wollen, arbeiten wir uns am Ufer von Loch Linnhe so zügig wie möglich durch den schlammigen Boden zu einem geeigneten Fotostandort. Mit Grauverlaufsfiltern gelingen uns einige stimmungsvolle Aufnahmen des markanten Schlosses, das alleine auf einer Felsinsel im Wasser steht – bevor das nasse Element unsere Schuhe endgültig überflutet und die beiden Stative im braunen Schlick versinken.
Jetzt haben wir uns aber ein fürstliches Abendmahl verdient! Im Restaurant “The Laroch” in Ballaculish esse ich wieder Muscheln, heute mit Haggis-Pralinen in Whisky-Sauce als Vorspeise. Ein würdiger Abschluß des siebten Reisetages…

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Castle Stalker

Dienstag, 22. September

Sonne können wir heute erneut vergessen, aber am Vormittag soll es zumindest ein paar Stunden trocken bleiben, bevor in der zweiten Tageshälfte ein kleines Sturmtief über Schottland zieht. In der Infomappe unserer Unterkunft habe ich gelesen, daß etwa 15 Kilometer südöstlich der Stadt der zweithöchste Wasserfall Schottlands rauscht. Mit 120 Metern Fallhöhe sicher ein beeindruckender Anblick,ALT bei dem man für gute Bilder auch nicht zwangsläufig Sonnenschein braucht. Fahren wir da mal hin!
Am Ende einer langen einspurigen Straße weisen ein Sackgassenschild sowie ein bereits gut gefüllter Parkplatz auf die nahe Attraktion hin. Von hier aus führt ein Fußpfad etwa zwei Kilometer durch eine tiefe felsige Schlucht weiter ins Glen Nevis hinein. Nach der Hälfte der Strecke öffnet sich vor uns das Tal und gibt über eine weite Grasebene den Blick auf die Steall Falls frei. Allerdings dreht jetzt auch der Wind kräftig auf, so daß ich mein Stativ beim Fotografieren mit dem Körper abschirmen und zusätzlich mit meinem Rucksack beschweren muß, damit es nicht umgeweht wird.
Kurz vor dem Ziel muß man den seichten Fluß “Water of Nevis” überqueren, was hier auf zweierlei Arten möglich ist. Entweder sucht man sich eine flache Stelle im Flußbett und achtet sehr genau auf seine Schritte, oder man benutzt die etwas minimalistische Seilbrücke, an der sich gerade ein kleiner Stau gebildet hat. Wir teilen uns auf. Ich wähle Variante A, um mich auf der anderen Seite schon mal rechtzeitig in Stellung für Fotos zu bringen, während Micha sich vermutlich von einem Filmzitat aus Jäger des verlorenen Schatzes leiten läßt: “Take the path of adventure, Indy!”ALT
Wenige Minuten Fußmarsch nach der Flußquerung stehen wir am Fuß des Wasserfalls. “Ja, der kann was”, denke ich mir und speichere den Ort als Ausflugsziel für spätere Familienurlaube ab. Meine Frau Melanie steht auf große Wasserfälle und wäre von diesem hier sicher begeistert.
Auf dem Rückweg wieder ein Stau an der Seilbrücke. Wir wählen beide denselben Weg über den Fluß wie vorhin. Mit dem Unterschied, daß Micha trocken bleibt, während ich auf einem Stein im Wasser abrutsche und mit einem nassen Fuß weiter laufen muß. Wir erreichen den Parkplatz gerade noch rechtzeitig vor der Regenfront, die sich bereits dunkel am Himmel aufgebaut hat. Glück gehabt!
Den Nachmittag verbringen wir in unserer Lodge, waschen Klamotten, sichten Fotos und telefonieren ausgiebig mit unseren Familien. Am frühen Abend gehen wir unten im Ort eine Kleinigkeit essen. Nicht ganz einfach, hier was zu finden, denn corona-bedingt haben viele Gaststätten geschlossen – manche nur temporär, einige leider auch für immer. Vor den übrig gebliebenen Läden bilden sich lange Schlangen. Das Restaurant “The Geographer” ist das erste, wo wir ohne Reservierung einen Tisch bekommen. Da fackeln wir also nicht lange – denn bei dem Schietwetter draußen anstehen wollen wir nicht. Die offensichtlich von Terry-Pratchett-Fans gestaltete Einrichtung läßt den kleinen Gastraum sehr heimelig wirken. Das Essen ist auch ganz solide, was will man mehr? Und wieder geht ein Reisetag zu Ende.

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Film-Location aus “Skyfall”, es regnet sich ein…

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