Schottland 2020

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am Ufer des Loch Cheann Dibig

Freitag, 18. September

Heute morgen ist es noch etwas diesig, als wir aufwachen. Aber da im Verlauf des Tages Sonnenschein angekündigt wurde, trödeln wir beim Fühstück mal lieber nicht unnötig herum. Unsere heutige Route führt uns auf die südliche Nachbarinsel Harris. Und schon kurz nachdem wir diese erreicht und mit dem einzig nennenswerten Höhenzug augenscheinlich auch eine Wetterscheide passiert haben, lockert die Bewölkung auf und gibt mehr und mehr blauen Himmel frei.ALT Wer weiß, wie lange das so bleibt. Darum nutzen wir gleich die erstbeste Gelegenheit, stellen das Auto in einer Parkbucht am Straßenrand ab und gehen mitsamt unserer Fotoausrüstung hinunter zur Küste am Loch Cheann Dibig.
Mein Reisebegleiter möchte gerne sein neues Tilt-Shift-Objektiv testen und mich – bei erfolgreicher Erprobungsphase – direkt mit einem ultra-präzisen Panorama beeindrucken. “Gut Ding will Weile haben” lautet die Devise. Nachdem ich selbst eher nachlässig eine Reihenaufnahme aus der Hand ge­schossen habe, baut und schraubt der Herr Hyna immer noch an seinem Equipment herum, daß es nur so kracht. Ich frage mich, ob er daraus wohl im MacGuyver-Style eine Rakete konstruieren will. Nach einer Viertelstunde wird mir beim Zugucken langweilig, also erkunde ich den Umkreis unseres Standortes auf eigene Faust. Während Wernher von Brauns legitimer Nachfolger noch mit seinen Startvorbereitungen beschäftigt ist, stoße ich im Gras etwas weiter unterhalb auf Markierungspfosten des Fernwanderweges Hebridian Trail.ALT Nach meinem geglückten Debüt auf dem West Highland Way scheint mir das eine würdige Nachfolgetour in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft zu sein.
Nachdem wir gestern Abend noch ein Schwätzchen mit unserer Vermieterin nebst vorzeigbarer Tochter gehalten haben, wissen wir dank ihrer Tips, daß uns auf Harris noch mehr tolle Orte zum Fotografieren erwarten. Ich mahne daher eine baldige Abfahrt zum nächsten Programmpunkt an. Micha packt sein Zeug zusammen, wir umgehen die kleine Siedlung namens Meavaig in einem weiten Bogen und begeben uns zurück zum Auto. Nach ca. 15 Kilometern Fahrt öffnet sich vor uns die Landschaft und gibt den Blick auf den Atlantik frei. Die Straße steigt wieder leicht an, und als wir über die nächste Hügelkuppe kommen, haut uns die Aussicht fast von den Socken. Vor bzw. unter uns liegt Seilebost Bay mit einem etwa vier Kilometer langen Sandstrand, der dank derzeitiger Ebbe sehr gut zur Geltung kommt. Weil wir nicht wissen, wann wir das nächste Mal hier vorbei kommen und wie dann das Wetter sein wird, machen wir gleich einige Fotos und legen im Anschluß eine Mittagspause ein. Klar, diese Aussicht muß man genießen!
Weiter geht es Richtung Süden. Ich habe in der Location-App gestern ein Gebiet mit Salzmarschen gesehen, das sich ganz in der Nähe befindet.ALT Auch auf dem Weg dorthin reiht sich Motiv an Motiv, und wir müssen schon sehr viel Disziplin aufbringen, um nicht alle paar hundert Meter zu halten und zu knipsen. Schließlich erreichen wir Northton und parken unser Auto. Jetzt nur noch wenige Minuten zu Fuß weiter, dann sind wir da.
Die Location erweist sich als schwieriger zu fotografieren als erwartet, weil der Boden ultraweich ist und dem Stativ kaum Halt bietet. Die Stelle für die wahrscheinlich beste Komposition erreicht man nicht ohne Wathose, und ich bedaure zum ersten Mal, daß ich keine Drohne mitgenommen habe. Nach einer Stunde Herumtappen im brackigen Schmodder packen wir unsere Sachen und fahren weiter. Viel Straße kommt in dieser Ecke der Insel nicht mehr, da können wir genauso gut bis zu deren Ende vorstoßen. Gesagt, getan. In einem Dörfchen mit den lustigen Namen Rodel ist dann endgültig Schluß.
Wir drehen um und treten den Rückweg an. Jetzt haben wir auch endlich etwas Zeit, die vorhin allzu achtlos liegen gelassenen Motive am Wegesrand zu würdigen. Leider ziehen vom Atlantik Stratuswolken auf, die nach kurzer Zeit die Sonne verdecken und die Lichtstimmung versauen. Aber für ein paar Brandungsfotos reicht es, zumal jetzt auch der Wind kräftig auffrischt und uns somit in die Karten spielt. Nach zwei Stunden sind wir ordentlich durchgefroren und fahren heim. Und mit diesen Bildern endet der fünfte Reisetag.

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Blick von Strand von Northton

Samstag, 19. September

Weil das gestern so schön war und weil wir ein paar der schönsten Strände noch gar nicht besucht haben, wollen wir heute erneut auf die Isle of Harris rüber fahren. Die wenigen Wolken, die wir beim Frühstück noch gesehen haben, lösen sich auf, als wir wieder Richtung Süden unterwegs sind.
Kurz bevor wir Tarbert passieren, hat die Fähre von der Isle of Skye angelegt und entläßt eine beträchtliche Anzahl Wohnmobile und PKWs aus ihrem Bauch.ALT Da man auf den engen Straßen kaum überholen kann und wir nicht gleich hinter den ganzen “Dickschiffen” her zuckeln wollen, legen wir einen Foto­halt auf dem nächsten Hügel ein. Die Fernsicht ist ganz okay und reicht sogar bis zur Isle of Skye. Also werden unsere Teleobjektive ausgepackt und mal durchs “Fernglas” geschaut. Da der Fahrzeugstrom eine ganze Weile nicht abreißt, trinken wir im Sonnenschein einen Instantkaffee und lassen der Karawane etwas Vorsprung.
Daß das vielleicht nicht die allerschlaueste Idee war, zeigt sich eine halbe Stunde später an der Zufahrt zum Luskentyre Beach, wo wir erneut auf einige der zuvor gesehenen Großraum-Fahrzeuge treffen. Ganz schön eng ist das letzte Stück bis zum einzigen Strandparkplatz. Gut, daß wir bei der Anreise nicht auf den fetten Mercedes upgegradet haben. Mit dem kämen wir hier niemals durch! Aber unser Vernunftsmobil paßt auch in suboptimale Lücken, und so können wir nach kurzer Zirkelei die Fotoausrüstung packen und über die hohen grasbewachsenen Dünen zum Meer laufen. Daß der Strand einigermaßen weitläufig sein muß, war uns gestern beim Ausblick von der Parkbucht etwas oberhalb von Seilebost schon klar,ALT aber wie gut sich hier die Menschen verteilen, hätte ich angesichts des überfüllten Parkplatzes nicht gedacht. Dies verspricht ein sehr entspannter Tag zu werden.
Die Reisegruppe teilt sich wieder auf. Verlieren kann man sich hier ja nicht. Mir persönlich ist der Sonnenschein fast ein paar Lux zu hell, das gibt später auf den Bildern sehr harte Kontraste. Ich setze mich mal nicht zu dolle unter Druck. Wenn hier heute keine Reisekatalog-Fotos entstehen, habe ich zumindest ein paar schöne Eindrücke in meinem Gedächtnis abgespeichert.
Irgendwo zwischen den Felsen wird gegrillt. Ich bekomme Hunger, lege die Kamera beiseite, setze mich an einer höhergelegenen Stelle mit gutem Überblick ins Gras und verzehre zwei Sandwiches. Micha sehe ich irgendwo da unten weit entfernt im Sand herum kriechen. Nach meinem kurzen Snack steige ich wieder auf Sea Level hinab und erinnere meinen Kumpel daran, daß er noch für ein paar Beweisfotos im Meer baden gehen wollte. Das läßt er sich nicht zweimal sagen.ALT Die jungen Damen, die eben an den Klippen den Grill laufen hatten, unterbrechen für eine Weile ihr Picknick und schmachten Mr. Cool aus der Ferne an. 🙂
Am frühen Abend zieht leider Seenebel an der Küste auf. Andererseits sehen wir kaum Wolken am Himmel, und die Sonne scheint weiterhin auf andere Teile der Insel. Brechen wir also hier unsere Zelte ab und fahren dem schönen Licht hinterher. Kurz bevor wir Harris verlassen, folgen wir einer Nebenstrecke mit dem klangvollen Namen “Golden Circle Road”. Eine halbe Stunde dauert die Passage. Ausbeute: ein einziges Foto, das es nicht mal in diesen Artikel geschafft hat. Umweg lohnte also nicht.
Bei unserer gestrigen ersten Inselrundfahrt sind wir zumindest schon mal auf die Ausschilderung einer der Hauptattraktionen gestoßen: die Callanish Stones. Einen Besuch haben wir aus Zeit- und Wettergründen ausfallen lassen, aber heute könnten diese Hinkelstein-Konglomerate in der Abendsonne vielleicht ein dankbares Motiv abgeben. Dazu müssen wir uns allerdings etwas beeilen, denn die Sonne befindet sich schon seit langem auf dem absteigenden Ast, und die goldene Stunde beginnt in Kürze. Die Fahrstrecke zu den Steinen ist gespickt mit herrlichen Motiven. Aber jetzt noch mal anhalten? Kommt gar nicht in Frage!
Da wir die Attraktivität und fotografische Zugänglichkeit unseres Zieles noch nicht abschätzen können,ALT merken wir uns ein paar der vielversprechendsten Stellen für den Rückweg und fahren mit Vollgas in Richtung Callanish. Verwirrung am Ortseingang: der Steingruppen gibt es gleich drei, wenn man den Hinweisschildern glauben kann. Allerdings sehen die zwei derzeit sichtbaren Kreise nicht gerade ultra-spektakulär aus. Was also tun? Effektivität bestimmt das Handeln. Um auf Nummer sicher zu gehen, arbeiten wir die hier vorhandenen Kandidaten zügig ab und hoffen, daß das schöne Licht noch für die dritte Gruppe reicht.
Man hätte es sich ja denken können: eine Gruppe aufrecht stehender länglicher Felsbrocken, die so aussieht, als habe sich jemand Stonehenge auf Wish bestellt, übt eine extrem starke Anziehungskraft auf diverse Personengruppen aus. Bereits von Weitem ist der Parkplatz “Callanish I” zu erkennen. Alles voller Wohnmobile, die aussehen, als wäre die Zeit im Jahre 1968 stehen geblieben. Die dazugehörigen Besitzer erfüllen jedenfalls alle passenden Klischees: Rasta-Matten, im Kreis herumgereichtes Feines Rauchwerk, in Strömen fließender billiger Alkohol und gelallte Annäherungsversuche ans ebenfalls zahlreich vorhandene Spießerpublikum. Bongo-Getrommel, zu dem zerzauste und von Kopf bis Fuß bunt gefärbte Gestalten verschiedenen Geschlechts extatisch (und bereits unter Ablage der oberen Bekleidungs­schichten) zwischen ihren Caravans herumtanzen.
Läuft das hier immer so? Als wir bei der bereits schußbereit aufgebauten Fotografenmeute ankommen, werden wir daran erinnert, daß mit dem übermorgen eintretenden Äquinoktum ein adäquat zelebrierbarer Anlaß bevor steht.ALT Wir reihen uns zwischen den vielen Stativen ein. Die Sonne steht bereits sehr tief, und wir warten auf Ihr Abtauchen durch den Steinkreis. Die nun auch in Callanish aufziehende Bewölkung taucht den Ort zum Abschied noch einmal in ein mystisches Licht, und wir ahnen, daß hier die heutige Nacht recht lang werden wird.
Leider können wir uns der Open-Air-Party nicht anschließen, weil wir eben jene stimmungsvolle Beleuchtung zu unserem Vorteil, sprich: für ein paar gescheite Fotos, nutzen wollen. Die Kameras behalten wir vorsichtshalber griffbereit vorn im Auto, damit wir ja kein Motiv verpassen. Der Sonnen­untergang läßt die nun vor uns liegende Hochebene in herrlichen Farben leuchten. Alle paar Minuten ändert sich das Licht, weil die leichte Bewölkung bzw. der Nebel, der nun über den vielen Seen entsteht, verschiedene Teile der Landschaft hinter einem dünnen Schleier verschwinden lassen.
Nach einer Stunde ist das Schauspiel leider vorbei. Übrig bleibt nur eine karge Moorlandschaft in grau-blau ohne verwertbare Kontraste. Wir fahren in unser Häuschen zurück, sichten bei einem späten Abendessen die Bilder des Tages und beginnen danach noch mit dem Kofferpacken. Morgen früh müssen wir zeitig raus, denn die Fähre zurück aufs Festland legt bereits um 6:45 Uhr ab. Weit nach Mitternacht endet unser sechster Reisetag…

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Loch na Gainmhich, Isle of Lewis

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