West Highland Way 2017

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Destillerie Glengoyne

Samstag, 23. September – 1. Etappe von Milngavie nach Drymen
(Länge: 19.8 km, Höhenmeter: 250, Dauer: 4.5 h)

Gut, daß wir früh aufgestanden sind und aus Versehen einen Zug eher genommen haben als ursprünglich geplant. Sonst hätten wir am Bahnhof Hyndland den Bus des Schienenersatzverkehrs verpaßt. Komisch: sonst ist im Vereinigten Königreich immer alles perfekt ausgeschildert oder mit Funktionspersonal bevölkert, aber hier sehen wir keinen einzigen Hinweis, wo sich die Haltestelle befindet. ALTWir irren erst einmal einige Minuten im Nahbereich der fast menschenleeren Station herum, bevor wir eher zufällig am fernen Ende einer Anwohnerstraße ein paar Leute in Warnwesten und einen Reisebus erblicken. Auf Verdacht sprinten wir los und erreichen den Bus gerade noch rechtzeitig.
Nachdem wir am Bahnhof in Milngavie (spricht man „Mallgai“ – da muß man erst mal drauf kommen) unsere Taschen dem Fahrer des Gepäcktransports übergeben haben, können wir endlich loslegen. Im nahegelegenen Tesco-Supermarkt wird noch kurz gefrühstückt und Proviant eingekauft. In der Fußgängerzone ein Selfie am Obelisken, der den Beginn des Weges markiert, und schon geht es los.
Der West Highland Way führt zunächst einige Kilometer durch parkähnliche Landschaft entlang des Flusses Allander. Eher langweilige Gegend, aber bald schon verlassen wir die Stadt und laufen durch Wald und Wiesen. Nach ungefähr zwei Stunden Gehzeit treffen wir inmitten ausgedehnter Heidewiesen auf einen Wohnwagen, wo ein perfektes Double von Boris Johnson heiße Getränke verkauft. Der bittet um eine kleine Spende von fünf Pfund für seinen Service – nicht gerade bescheiden. Aber wie oft im Leben bekommt man schon mal vom britischen Außenminister Kaffee und Tee angeboten?
Nur fünf Kilometer weiter bietet sich am Wegesrand eine weitere Gelegenheit für Rast und Erholung: die Destillerie Glengoyne. Wenn man auf dem West Highland Way unterwegs ist, kann man diese historische Destillerie nahe des Örtchens Dumgoine nicht verfehlen. Ein lohnenswerter Stop auf einer ansonsten attraktionsarmen ersten Etappe. Auf dem rund einstündigen Rundgang, wahlweise mit Whisky-Tasting unterschiedlicher Ausdehnung, erfährt man alles Wissenswerte über die Herstellung des schottischen Nationalgetränks. ALTIch buche für Holger und mich die große Führung mit doppelter Whisky-Verkostung, was insofern ein wenig leichtsinnig ist, weil ich vergessen habe, daß er ja keinen Alkohol trinkt. Also muß ich mich opfern und leere auch noch seine Gläser. Vielleicht täusche ich mich, aber mit so’n bißchen einen im Tee kann ich den Ausführungen im schottischen Dialekt unserer schnuckeligen jungen Führerin viel besser folgen. Slainte! Nach einer Stunde sind wir wieder „on the road“. Noch 10 Kilometer sind es bis zum heutigen Etappenziel, der Mullberry Lodge, aber die laufen sich mit einer ordentlichen “Tankfüllung” wie von selbst.
In unserem Quartier treffen wir am frühen Abend ein. In diesem gut eingerichteten B&B sind wir die letzten Gäste dieser Saison. Kurz duschen, umziehen und mit der Familie daheim telefonieren, dann brechen wir auf ins Stadtzentrum, wo wir im “Clachan”, dem ältesten Pub Schottlands, etwas zum Abend essen wollen.
Es ist brechend voll, aber die bezaubernde Chefin bringt uns noch irgendwie an der Bar unter. Perfekt, denn dort sitzen wir ja direkt an der Getränkequelle. Heute esse ich einen hausgemachten Burger (lecker, aber viel zu groß) und beschränke mich wegen des bereits am Nachmittag erfolgten Whisky-Konsums auf einen local-beer-contest, der mir am nächsten Morgen ordentliche Kopfschmerzen bereiten wird. Ich komme im weiteren Verlauf des Abends nicht umhin, zu konstatieren, daß die weibliche Hälfte der schottischen Bevölkerung, auf die wir heute getroffen sind, zumindest in unserer Altersgruppe überdurchschnittlich gut aussieht. Na dann, Prost!

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Drymen

Sonntag, 24. September – 2. Etappe von Drymen nach Rowardennan
(Länge: 24.5 km, Höhenmeter: 600, Dauer: 6 h)

Das Wetter ist heute das, was man sich gemeinhin unter „typisch schottisch“ vorstellt. Diesig, kühl, und es regnet feine Schnüre. Aber mich stört das nicht, denn ich bin hochmotiviert. Das reichhaltige Frühstück ist eine solide Energiegrundlage für die anstehende Bergwertung im mittleren Teil unserer heutigen Etappe. ALT
Auf den ersten fünf Kilometern verläuft der Weg durch Mischwald, bevor sich mit steigender Höhe die Vegetation lichtet und wieder in ortsübliche Heidelandschaft übergeht. Wir müssen unter anderem eine Kuhweide überqueren, die Tiere sind aber voll gechillt und lassen uns auf Armlänge Abstand ohne Murren passieren.
Mittlerweile können wir durch den feuchten Dunst den Conic Hill erkennen, von dem ich mir ein paar schöne Fotos erhofft hatte. Danach sieht es zwar leider gerade nicht aus, aber vielleicht reißen die Wolken ja später noch auf. Im Augenblick bin ich jedoch ganz froh, die Regenjacke anzuhaben, denn während des Anstieges zum Berg dreht der Wind noch einmal kräftig auf und bläst uns den feinen Nieselregen horizontal ins Gesicht.
Auf den letzten Höhenmetern kann man Erosion bei der Arbeit betrachten. Der Trampelpfad zum höchsten Punkt des Conic Hill ist ein einziges Flußbett. Falls es hier jemals dauerhaft regnen sollte (passiert ja zum Glück nie), ist der Berg innerhalb weniger Jahre komplett fortgespült. Der Fotohalt und das Picknick auf dem Gipfel fallen erwartungsgemäß kurz aus, aber auf dem Weg nach unten kann man zumindest erahnen, welch tolle Aussicht uns an dieser Stelle erwartet hätte, wenn das Wetter besser wäre.
Gut abgekühlt und doch etwas naß erreichen wir den kleinen Ort Balmaha am Ufer des Loch Lomond. Im „Oak Tree Inn“, ALT einem Wanderhotel mit angeschlossener Gastwirtschaft, wärmen wir uns bei Kaffee, Bier und einer nahrhaften Pilzsuppe wieder auf. Das tut gut!
Die letzten zwölf Kilometer ziehen sich dann doch etwas in die Länge, aber schließlich kommen wir gegen 17 Uhr im Rowardennan Hotel an. Ein offensichtlich historisches Gebäude – mein Zimmer im obersten Stockwerk hat windschiefe Wände, und damit meine ich nicht die Dachschrägen.
Großer Pluspunkt dieses Hauses ist der Trockenraum, wo wir erstmal unsere Wanderklamotten aufhängen, bevor wir uns – frisch geduscht und ausgehfein gemacht – im Restaurant einfinden, um den Tag bei einem zünftigen Abendessen ausklingen zu lassen. Wieder überrascht die Küche mit hochwertiger Kost von lokalen Erzeugern. Und das Ganze gar nicht mal so teuer! Knappe 15 Pfund für eine ausgezeichnete Lammkeule finde ich mehr als fair. Den heutigen Single-Malt-Contest gewinnt haushoch ein zwölfjähriger Bunnahabhain von der Insel Islay, der mir vom Barkeeper mit den Worten: “This is the stuff that we drink.” nachdrücklich empfohlen wurde, gegen einen zwei Jahre jüngeren Talisker “Storm”. Schließlich besiegt gegen 23 Uhr die Bettschwere jene Muskelgruppen, die für die aufrechte Sitzposition am Tisch verantwortlich sind. Ich ziehe mich zum Schlafen zurück.

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Aufstieg zum Conic Hill

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