Island 2017

Hochland-Route F88, Blick zum Herðubreið

Meinen besten Freund Micha und mich hat wie­der das Island-Fieber gepackt. Unter ande­rem, weil wir unse­rem „Schicksalsberg” Herðubreið erheb­lich näher kom­men wol­len als bei unse­rer letz­ten Tour im Jahr 2013, kon­zen­trie­ren wir uns dies­mal auf das Hochland. Wir mie­ten uns ein gelän­de­gän­gi­ges Allradauto und fah­ren fünf Tage durch die Ödnis. Meine neue Fotoausrüstung rund um die Fujifilm X‑T2 muß zum ersten Mal ihre Reisetauglichkeit unter Beweis stellen.

Dienstag, 27. Juni – Mittwoch, 28. Juni

„Von hin­ten durch die Brust ins Auge“ könnte das Motto lau­ten, nach dem ich mich mei­ner Trauminsel in die­sem Jahr annä­here. Zugegeben: es ginge von Frankfurt ganz easy mit Icelandair in drei­ein­halb Stunden, aber ich habe mich für eine eher abwe­gige Großkreis-Variante mit Air Berlin ab Berlin Tegel ent­schie­den. Von da aus kann ich näm­lich mit Micha zusam­men flie­gen, Frühstück an der Hvítawir kom­men zu einer für unsere Zwecke per­fek­ten Zeit an, und oben­drein war zumin­dest der Netto-Flugpreis ein gün­sti­ges Angebot. Daß dazu noch die Bahnfahrt nach Magdeburg und das Parken in Berlin am Flughafen kom­men könn­ten, habe ich bei der Vorstellung der Reisekosten daheim dis­kret ver­schwie­gen. Aber meine Frau ist nicht doof, hat’s gleich gemerkt und – auch darum liebe ich sie – mich trotz­dem fah­ren lassen.
Die Deutsche Bahn ist pünkt­lich, und mein Kumpel holt mich am Magdeburger Hauptbahnhof ab. Bei Micha daheim spach­teln wir noch ein paar Eierkuchen, die seine Freundin Lena auf die Schnelle für uns gebacken hat. Ein letz­ter Check der Ausrüstung auf Vollständigkeit, ein­mal Windeln wech­seln bei sei­nem Sohn Vinni, dann müs­sen wir los. Wir par­ken auf einer rie­si­gen Kraterlandschaft in unmit­tel­ba­rer Nähe des Flughafens, ein Shuttle bringt uns in fünf Minuten zum Terminal. Eingecheckt sind wir schon. Nur noch das Gepäck abge­ben, ein­mal mit zu Hause tele­fo­nie­ren, dann ab durch die Sicherheitskontrolle. Im Terminal essen wir noch eine Kleinigkeit, und wenig spä­ter wird schon unser Flug auf­ge­ru­fen. Ganz pünkt­lich star­ten wir nicht, aber die Zeit wer­den wir unter­wegs ver­mut­lich wie­der aufholen.
Micha döst wäh­rend des ruhi­gen Fluges ein wenig in sei­nem recht engen Sitz. Ich dage­gen bin zu auf­ge­kratzt und kriege kein Auge zu. Während es in Berlin um kurz vor 23 Uhr schon fast dun­kel war, flie­gen wir trotz vor­rücken­der Zeit in immer hel­lere Gefilde und lan­den in der Abendsonne kurz vor Mitternacht Ortszeit in Keflavik.
„Zwei Millionen Touristen per annum müs­sen ja irgendwo her­kom­men…“, denke ich, als wir durch das selbst um diese Uhrzeit mit Leuten voll­ge­stopfte Terminal Richtung Gepäckausgabe lau­fen. Ganz schön was los hier zu so spä­ter Stunde. ALTUnseren Mietwagen haben wir wie­der bei ProCar gebucht, deren Büro in einem nahe­ge­le­ge­nen Gewerbegebiet liegt und rund um die Uhr geöff­net ist. Ein Shuttle bringt uns dort­hin, und eine halbe Stunde spä­ter hal­ten wir die Schlüssel für unse­ren Toyota Landcruiser in den Händen. Ein Auto die­ses Kalibers brau­chen wir auch, denn immer­hin ste­hen wäh­rend der näch­sten drei Tage einige Fahrkilometer über stau­bige und buck­lige Hochlandpisten sowie eine Handvoll Furten auf unse­rem Reiseplan. Bevor es aber rich­tig los geht, decken wir uns in Hafnarfjörður bei einem 24 Stunden geöff­ne­ten Supermarkt mit eini­gen Grundnahrungsmitteln ein.
Zeit gecheckt: 1:30 Uhr, das Abenteuer kann begin­nen. Unsere Basis liegt in Laugar im Norden Islands. Der kür­ze­ste Weg dort­hin führt über die ehe­ma­lige F‑35 quer durchs Hochland. Ehemalig darum, weil diese Route vor eini­gen Jahren von der Kategorie „F” (Offroad-only) um eine Stufe in Richtung nor­male Straße her­auf­ge­setzt wurde. Insofern sollte eine Passage die­ser Strecke auch mit einem alten Polski Fiat 126 kein Problem sein. Unsere Route führt vor­bei an eini­gen Highlights des Golden Circle: Þingvellir, Geysir und Gullfoss. Heute haben wir diese nor­ma­ler­weise völ­lig über­lau­fe­nen Touristenattraktionen kom­plett nur für uns. Hinter dem Tal von Þingvellir machen wir einen Fahrerwechsel. Micha darf spä­ter – weil er den Aufpreis von einer 4x4-Luschenkarre zu unse­rem ernst­ge­mein­ten Allradfahrzeug bezahlt hat – als Erster im Hochland fah­ren und will sich vor­her noch ein wenig aus­ru­hen. ALTDen Geysir Stokkur las­sen wir links lie­gen, und am Gullfoss steige ich alleine aus. Nicht, weil ich mir dadurch neue tolle Bilder für unser Fotobuch erhoffe, son­dern weil ich es ein­fach genie­ßen will, an die­ser Sehenswürdigkeit mal ganz alleine zu sein.
Bei der etwas her­un­ter­ge­kom­me­nen Schutzhütte am Beginn der Schotterstrecke, die uns schon bei unse­rer ersten Islandreise als Fotomotiv dien­lich war, legen wir einen Boxenstop ein. Hier ist Gelegenheit zum Umziehen – raus aus den Reiseklamotten, rein in etwas Bequemeres und vor allem Wärmeres. Micha foto­gra­fiert ein wenig die nähere Umgebung, wäh­rend ich am Ufer der Hvíta fri­schen Kaffee und das Frühstück zube­reite. Nach dem Essen döse ich ein paar Minuten in der Morgensonne, der­weil mein Reisekumpel das Geschirr im Fluß spült und die Sachen im Auto ver­staut. Weiter geht’s.
Nach ein paar Kilometern folgt der erste Fotohalt. Wir fah­ren durch ein Meer aus blauen Lupinen, die gerade in vol­ler Blüte ste­hen. In nicht allzu wei­ter Ferne kön­nen wir den Langjöküll sehen, der von der auf­ge­hen­den Sonne ange­strahlt wird. Dann wird die Landschaft wie­der karg, allen­falls ein paar Flechten wach­sen rechts und links des Weges. Unsere Route führt über einen Bergpaß, und an sei­ner höch­sten Stelle ist bereits die näch­ste Landmarke zu erken­nen: der See Hvítavatn, eine der Gletscherlagunen des Langjöküll. Dort sollte es sicher einige Motive geben. Das schon, aber hier tre­ten auch die klei­nen Plagegeister in Aktion, die sämt­li­che Aufenthalte in Wassernähe um diese Jahreszeit zu einer Übung in Körperbeherrschung machen. ALTWinzige Fliegen, die zwar nicht ste­chen oder bei­ßen, aber eine Vorliebe für unge­schützte und leicht erreich­bare Körperöffnungen haben. Augen, Ohren und Nasenlöcher sind ihre bevor­zug­ten Landezonen. Wir beschrän­ken des­halb unse­ren Fotohalt aufs Nötigste und bre­chen nach einer hal­ben Stunde wie­der auf.
Das näch­ste poten­ti­ell viel­ver­spre­chende Motiv liegt bereits vier­zig Kilometer wei­ter. Micha und ich haben das Geothermiegebiet Hveradalir im Gebirgszug Kerlingarfjöll als loh­nens­wer­ten Abstecher schon im Vorfeld der Tour im Internet recher­chiert. Vorwiegend oran­ge­far­bene Sandhügel und Dünen sind hier zu fin­den, durch­zo­gen von eini­gen klei­nen Schmelzwasserflüssen eines nahe­ge­le­ge­nen Mini-Gletschers, der ver­mut­lich frü­her ein­mal Teil des Hofsjöküll war. Überall blub­bert und dampft es aus dem Fußboden, und es riecht mar­kant nach Schwefelwasserstoff. Bei der Anfahrt bewährt sich zum ersten Mal unser Toyota, denn das letzte Stück unmar­kierte Piste vom Campingplatz bis zum eigent­li­chen Eingang weist eine ordent­li­che Steigung in Verbindung mit denk­bar schlech­ter Wegbeschaffenheit auf. Außer uns und ein paar Asiaten ist um 7 Uhr mor­gens noch nie­mand anwe­send. Da macht das Fotografieren rich­tig Spaß. Ungefähr zwei Stunden blei­ben wir hier, dann geht es wei­ter. Micha hat wie­der das Steuer über­nom­men, wäh­rend ich auf dem Beifahrersitz ver­su­che, etwas Schlaf nach­zu­ho­len.ALT Insofern paßt es mir ganz gut, daß wir unter­wegs mal anhal­ten, weil Doc Snyder auf dem Hinweg einen foto­ge­nen Canyon mit Fluß darin ent­deckt hat, den er jetzt allein foto­gra­fisch beackern kann, wäh­rend ich die Augen für ein paar Minuten schließe.
Wieder zurück auf der „Hauptstraße“. Der Weg wird schlech­ter, immer grö­ßere Brocken lie­gen auf der Fahrbahn und mah­nen zu vor­sich­ti­ger und auf­merk­sa­mer Fahrweise. Dafür, daß die 35 keine F‑Straße mehr sein soll, ist ihr Zustand unter aller Sau. Hoffentlich ist das kein Omen für die ande­ren Pisten, die uns noch erwar­ten. Bei Hveravellír neh­men wir zwei Tramperinnen aus Italien mit. Nicht, daß uns groß nach Unterhaltung wäre – auch optisch sind die bei­den eher Fiat als Ferrari – aber ich glaube, es gehört sich ein­fach nicht, im Hochland Anhalter ste­hen zu lassen.
Was mich auf den wei­te­ren Kilometern Rüttelstrecke immer wie­der erstaunt, sind die zahl­rei­chen Radfahrer, die mit in mei­nen Augen eher unge­eig­ne­tem Equipment wie ein­fa­chen Tourenrädern das Hochland durch­que­ren wol­len und dem­entspre­chend fer­tig aus­se­hen. Wir zäh­len im Laufe des Tages etwa 30 Leute in klei­nen Gruppen. Ein ordent­li­ches Mountainbike hat nie­mand. Seltsam.
Auf der Höhe des Sees Blöndulón, was für mich nach einer Haarshampoo-Marke klingt, endet die Schotterstrecke, und die Straße 35 ver­dient das erste Mal ihren Namen wie­der. Die Mädels auf dem Rücksitz haben die Augen zu und tra­gen nichts zu unse­rem Entertainment bei, die las­sen wir bei näch­ster Gelegenheit raus.ALT Ein kon­kre­tes Ziel haben sie laut eige­ner Aussage sowieso nicht, dann kön­nen sie sich also auch nicht bekla­gen. Auf dem gro­ßen Rastplatz an der Ringstraße 1 in Varmahlið set­zen wir die bei­den ab und unse­ren Weg alleine fort. In einem sehr an nor­we­gi­sche Fjordlandschaft erin­nern­den Tal legen wir einen Boxenstop zum Essen ein. Es gibt eine große Portion Asia Nudel Snack „Huhn Geschmack“ (!) und als Nachtisch Banane mit Kaffee. Schnell noch das Geschirr im kal­ten Wasser abspü­len, dann kann es wei­ter gehen.
In Akureyri folgt noch ein­mal ein Halt zum Proviant Auffüllen. Wir haben noch eine gute Stunde Zeit, bis wir in unse­rer Unterkunft ein­checken kön­nen und las­sen uns ziel­los durch den Supermarkt treiben.
Unser Quartier in Laugar ist ein altes Bauernhaus, das zur Zeit reno­viert wird. Besitzerin Guðrun emp­fängt uns und führt uns kurz durch das Gebäude. Unser Zimmer ist hell, geräu­mig und – das Allerbeste – hat total bequeme Betten. Nicht zu hart und nicht zu weich. Perfekter Schlaf garan­tiert, zumal wir recht­schaf­fen müde sind. Ich bin seit 36 Stunden wach und echt platt, aber wir wol­len zumin­dest vor dem Zubettgehen noch etwas essen. An der Tankstelle in Laugar hängt ein recht ordent­li­ches Familienrestaurant dran, wo unter ande­rem gute Pizza ser­viert wird. Micha und ich tei­len uns eine große mit allem. Kostet mit umge­rech­net 25 € nicht die Welt (haha) und macht satt. Zurück daheim gehe ich erst noch ein­mal heiß duschen und falle gegen 22 Uhr unty­pisch früh tod­müde ins Bett. 

Foto

Blick vom Kerlingarfjöll ins zen­trale Hochland

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