Von Canon zu Fuji

Nach über 20 Jahren im Canon-Lager habe ich im letz­ten Herbst mein gesam­tes Equipment ver­kauft und mir dafür die her­vor­ra­gend beleu­mun­dete Fujifilm X‑T2 ange­schafft. Ob sich aus mei­ner Sicht der Umstieg gelohnt hat, erfahrt Ihr in die­sem Artikel. Achtung: Dies ist kein tech­ni­sches Review, son­dern nur ein all­ge­mei­ner Bericht mit per­sön­li­chen Eindrücken, die der Systemwechsel mit sich bringt. Wen das Warum? nicht inter­es­siert, möge gleich auf Seite zwei weiterlesen.

Der Anfang vom Ende

Daran erin­nere ich mich noch genau. Auf der Photokina 2012 kam ich mit dem Produktmanager von Canon Europe ins Gespräch. Kurz zuvor hatte ich in Erwartung eines Nachfolgers mein altes 24−70÷2.8 Objektiv ver­kauft und freute mich schon wie Bolle auf eine optisch upge­da­tete Version II, die in mei­nen Augen logi­scher­weise einen Bildstabilisator haben mußte. Keine Frage – dies war DAS Feature, was ich an die­ser an sich sehr hoch­wer­ti­gen Linse am mei­sten ver­mißt hatte. Das 24−70÷2.8 II kam dann auch, aber ohne den Verwacklungs-Terminator. Enttäuschung machte sich breit, stand doch gerade die­ses Ausstattungsmerkmal auf der Wunschliste vie­ler Fotografen.
Ich ergriff also die Gelegenheit beim Schopf und fragte den Canon-Vertreter, warum hier eine große Chance ver­tan wurde. Zumal beim Preis von fast 2200 € sicher noch Luft für den Einbau eines Image Stabilizers gewe­sen wäre. Aber man wollte beste opti­sche Qualität bauen, und das ging angeb­lich nur ohne Bildstabilisator. Schade, dachte ich – Canon hört nicht, zumin­dest nicht auf meine Wünsche.

Meine Tochter Paula beim Reiten, XF55-200mm F3.5 – 4.8 R LM OIS @ 95mm, f 4.0, ISO 640, Filmsimulation Provia (Standard)

Und so zog sich die­ses Gefühl wie ein roter Faden durch die Foto-Produktneuheiten der näch­sten Jahre. Immer fehl­ten nütz­li­che Features oder wur­den schlecht umge­setzt. Wurde mal eine Kamera upge­gra­det, dann aber auch wirk­lich nur mit dem Minimum an Verbesserungen, mit dem man eine „Mark X+1”-Produktversion recht­fer­ti­gen konnte. Als Beispiel sei hier die Linie der Edel-Kompakten, die Powershot G‑Serie ange­führt. Nach der G16 kam nur noch Murks, ent­we­der waren die Nachfolger zu klo­big und /​ oder zu limi­tiert oder nerv­ten durch wenig durch­dachte Bedien-Elemente bzw. durch­wach­sene Bildqualität.

Canons Versuch, sich mit der EOS‑M auf dem Markt der Spiegellosen zu eta­blie­ren, war bis­lang zu Recht erfolg­los. Veraltete Sensoren, feh­lende Features und lang­sa­mer Autofokus haben mit diese Kamera-Serie kom­plett ver­lei­det. Und im Profi-Bereich sah es nicht bes­ser aus. Konkurrenten zu Top-Produkten der Rivalen, bei­spiels­weise zum Nikon 14−24÷2.8, erschie­nen nie oder nur als under­per­for­mende Scherzartikel. Wahrscheinlich stellt Canon dem­nächst die vierte Auflage des 16−35÷2.8 vor, das immer noch kaum bes­ser als seine Vorgänger ist und das folg­lich auch nie­mand wirk­lich braucht.

Wenn mal ein wür­di­ger Erbe eines Produkts in den Markt ein­ge­führt wurde, dann stieg auch des­sen Preis oft unan­ge­mes­sen stark an. Dem Faß den Boden schlug letzt­lich die EOS 5D Mark IV im September 2016 aus. Kosteten die bei­den Vorgänger zu ihrer Markteinführung noch 3200 bzw. 3500 Euro, hat man mit der Mark IV die magi­sche „Four-Grand”-Marke geknackt. 4100 € nur für das Gehäuse. Wahnsinn! Ohne dies durch wirk­lich bahn­bre­chende Verbesserungen recht­fer­ti­gen zu kön­nen. Was ich bis­her z.B. über das angeb­li­che Killer-Feature namens Dual-Pixel-AF gele­sen habe, ist ein Witz. Der Rest ist solide Qualität, aber nicht dem Preis angemessen.

Weihnachtskonzert in der Kandeler St.-Georgs-Kirche, XF18-55mm F2.8 – 4 R LM OIS @ 18mm, f 2.8, ISO 3200, Filmsimulation Provia (Standard)

Andere Mütter haben auch schöne Töchter

Was also tun?
Zu Nikon wechseln?
Mäh! Nie im Leben!
Also schaute ich mich nach Alternativen um. Sony stellt hoch­wer­tige Sensoren her, auch die Kameras und Objektive hin­ter­las­sen einen soli­den Eindruck, aber mit den Menüs und der Bedienung konnte ich mich nicht so recht anfreun­den. Eher Bauchgefühl statt Faktencheck. Nun ja, und der Finanzcheck tat sein Übriges, um mir meine Sony-Wunschprodukte aus­zu­re­den. Die guten Kameras und spe­zi­ell die höher­wer­ti­gen Objektive sind eben auch bei denen arscht­euer! Und letzt­lich ist mir Sony gene­rell suspekt wegen ihres Hangs zu pro­prie­tä­rer Hard- und Software, mit der kaum irgend­was kom­pa­ti­bel ist.
Olympus und Panasonic schie­den für mich aus, obwohl beide im Mirrorless-Segment der­zeit recht heiße Eisen im Feuer haben. Aber ich traue ihnen nicht zu, sich auf lange Sicht im hart umkämpf­ten Kameramarkt hal­ten zu kön­nen. Ich weiß nicht, woher ich diese Sicherheit nehme. Ist eher ein Gefühl denn wirk­li­che Gewißheit.

Eine ent­schei­dende Richtungswende bei der Suche nach der neuen Kamera kam schließ­lich von außen. Die her­vor­ra­gen­den Bilder des Bonner Fotografen Michael Schaake (jetzt lei­der Sony-Ambassador) lenk­ten meine Aufmerksamkeit auf das Fujifilm X‑System und spe­zi­ell die ange­kün­digte X‑T2. Etliche E‑Mail-Wechsel spä­ter und nach eini­gen Hands-On-Tests bei Fotohändlern stand der Entschluß fest, nach­dem vor­her schon der Bauch „ja” gesagt hatte: Ich wechsle ins Fuji-Lager. Soweit die Vorgeschichte, für die Fakten klickt Euch wei­ter auf Seite 2.

Polarlichter in Tromsø, XF10-24/4.0 OIS @ 10mm, f 4.0 /​ 11 sek, ISO 800, Filmsimulation Provia (Standard)

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