Wintertour 2017

hoch über Nordnorwegen

2016 habe ich ein­mal aus­ge­setzt, aber im Februar die­ses Jahres geht es end­lich wie­der im Winter hoch in den küh­len Norden. Diesmal darf meine Tochter Paula mit, die ich in der Karnevalswoche von der Schule befreit habe. Diesmal ver­brin­gen wir unsere Zeit kom­plett in Tromsø, wo wir neben etwas Action hof­fent­lich auch ein paar Polarlichter erle­ben kön­nen. Außerdem möchte ich meine neue Kamera, eine Fuji X‑T2, aus­gie­big unter rea­len Bedingungen testen.

Samstag, 25. Februar

Dank Melanies Vorbereitung und Unterstützung gab es in die­sem Jahr Null Streß am Packtag. Paula hat gestern mit­ge­hol­fen und die Checkliste beim fina­len Verstauen der Klamotten und Ausrüstung abge­hakt. Unsere Taschen sind erstaun­lich leicht. 16 und 17 Kilo, da hätte man fast sogar Ryanair flie­gen kön­nen. Aber bei deren Flughafen-Nomenklatur wäre man statt im geplan­ten Tromsø ver­mut­lich in Hammerfest gelan­det und müßte anschlie­ßend noch eine halbe Tagesreise mit dem Bus auf sich neh­men, um irgend­wann am Wunschziel anzukommen.
Wie bei jeder Wintertour müs­sen wir auch heute rela­tiv zei­tig auf­ste­hen, und das, obwohl unser Flug erst um halb zehn star­tet. In Frankfurt voll­zie­hen wir den Abschied zügig und wider Erwarten nicht allzu trä­nen­reich. Vermutlich genau des­we­gen. Kurz und schmerz­los. Da Polly und ich Business-Class-Tickets haben, kön­nen wir der Lounge am Flughafen noch einen kur­zen Besuch abstat­ten. Wie mir die Meilenkönige unter mei­nen viel­flie­gen­den Arbeitskollegen bereits im Vorfeld ange­kün­digt hat­ten, fehlt die­ser Einrichtung jeder Glamour. Es ist rap­pel­voll, aber Paula und ich fin­den noch zwei Plätze an der Bar und geneh­mi­gen uns einen fri­schen Obstsalat. Unbedingtes Auf-Vorrat-Essen ist heute nicht not­wen­dig, denn gleich im Flugzeug wird noch ein war­mes Frühstück serviert.
Am Gate 60 im neuen Kranich-Terminal haben sich bereits viele Leute ein­ge­fun­den, und mir fällt gleich der Monitor auf, der die akzep­tier­ten Standby-Passagiere auf­li­stet. Oha! Da scheint sich ja die Strecke für Lufthansa wirk­lich zu loh­nen. Und Tatsache: Die Boarding-Aufforderungs-Durchsage bestä­tigt den rest­los aus­ge­buch­ten Flug. Nach aller­lei Umhergekurve auf dem Frankfurter Rollfeld erreicht unser Bus den auf einer Außenposition gepark­ten Airbus 319. Leider muß ich beim Einsteigen fest­stel­len, daß der Jumpseat im Cockpit bereits durch eine junge Dame in DLH-Uniform besetzt ist. Naja, macht nix.ALT Bis wir nach dem Schließen der Türen jedoch über­haupt los­rol­len, ver­ge­hen etwa 20 Minuten. Kein gutes Zeichen. Und rich­tig: der Käpt’n mel­det sich. Die Warnlichter für Generator-Failure und Low Oil Pressure am rech­ten Triebwerk hät­ten auf­ge­leuch­tet, und so könne man auf kei­nen Fall los­flie­gen. Also wird ein Techniker bestellt, der sich die Malaise mal anse­hen soll. Während wir auf die Reparatur war­ten, mel­det sich eine neue Cabin-Crew zum Dienst. Die bis­her anwe­sen­den Damen hat­ten mor­gens schon einen Einsatz und wür­den mit dem lan­gen Hin-und Rückflug nach und von Tromsø ihre maxi­mal erlaubte Boardzeit überschreiten.
Etwa 2 Stunden nach der geplan­ten Startzeit geht es end­lich los. Die Reise ver­läuft über weite Strecken so ruhig, daß man fast glau­ben könnte, in einem Kabinen-Mockup für das Crewtraining zu sit­zen. Das, was man aus dem Fenster sehen kann – näm­lich blauen Himmel oben und weiße Suppe unten – bleibt fast wäh­rend des gesam­ten Fluges unver­än­dert, und auch unsere Maschine selbst rollt nur ganz mini­mal. Auf der Höhe von Sandnessjøen in Mittelnorwegen end­lich klart es etwas auf, und sofort kommt auf unse­rer Seite die Küste mit einer der bekann­te­ren Landmarken, der Bergformation Siv Søstre (Sieben Schwestern) in Sicht. Alles tief ver­schneit. Richtiger Winter eben. Eine solch erfreu­li­che Aussicht bleibt uns bis kurz vor Tromsø erhalten.
Hier hän­gen ein paar mehr Wolken am Himmel, aber die Sonne scheint trotz­dem ab und zu durch. Beim Deboarding fällt sofort posi­tiv auf, wie ent­spannt die Norweger in Sachen Sicherheit sind. Unser Flugzeug steht auf einer Außenposition, da alle Gates belegt sind. Und wo in Deutschland schon der Bus bereit stünde, damit ja nie­mand auch nur ein paar Schritte unbe­auf­sich­tigt über das Rollfeld latscht, war­tet am Ende der Treppe nur eine Angestellte des Flughafens, die den ersten (!) Passagieren den Weg zum Terminaleingang zeigt, der sich etwa 200 Meter von uns ent­fernt befin­det. Die ande­ren Paxe wer­den schon das Richtige tun und den Leithammeln hin­ter­her lau­fen. Niemand stört sich daran, daß ich Fotos mache und hier­für ab und zu mit­ten auf der Fahrbahn der Service-Autos ste­hen bleibe.
Nach dem Abholen des Gepäcks neh­men wir ein Taxi zu unse­rer Unterkunft, das unsere ima­gi­näre Reisekasse um 30 Euro erleich­tert, wovon 10 bereits für das Schließen der Türen drauf­ge­hen. Wir fah­ren durch tief ver­schneite Straßen und errei­chen nach weni­gen Minuten unser Haus. Die Ferienwohnung ist klein, aber sehr gemüt­lich ein­ge­rich­tet und vor allem sehr durch­dacht aus­ge­stat­tet. Alles, was man an Spezial-Equipment für Winterreisen brau­chen könnte, ist hier vor­han­den und kann kosten­los aus­ge­lie­hen wer­den. Angefangen von Astro-Boots und polar­taug­li­chen Overalls bis hin zu Stirnlampen und Spikes für die Schuhe. Hier sind Profis am Werk. Unser Vermieter Bjørn, der uns auch den Mietwagen zur Verfügung stellt, erscheint eine halbe Stunde spä­ter zur Übergabe der Autoschlüssel. Ein kur­zer Schnack, dann fährt er wie­der zur Arbeit.
Paula und ich wol­len als Erstes einige Lebensmittel für die Woche ein­kau­fen. Ein paar Sachen lie­gen schon im Kühlschrank. Im Supermarkt „Rema 1000“ wird ein­mal der Wagen voll­ge­la­den, 150 € bitte sehr! Heute Abend essen wir mit zwei Tiefkühlpizzas ver­gleichs­weise gün­stig, bevor wir in den näch­sten Tagen die ört­li­chen Restaurants aus­pro­bie­ren wollen.
Weil die Polarlichter-Vorhersage für heute nur sehr geringe Aktivität anzeigt, gehen Paula und ich nach dem Abendessen eine Runde spa­zie­ren. Wir lau­fen durch unser ver­schnei­tes Viertel und lan­den nach einer Viertelstunde am Ufer des Tromsøysundes. Hier würde ich gerne ein paar Probeaufnahmen mit mei­ner neuen Kamera schie­ßen. Meine Tochter bekommt die Stirnlampe ange­bappt, und dann tap­pen wir im Dunkeln über den fel­si­gen Strand bis zur Wasserkante vor. Die ersten Bilder sind sehr viel­ver­spre­chend. Meine kleine Assistentin beleuch­tet mit ihrem Equipment einige Steine, die vor uns lie­gen, damit nicht alles in dunk­ler Suppe ver­schwimmt. Nach einer hal­ben Stunde packen wir wie­der ein und gehen nach Hause zurück. Während ich dort die ersten Fotos aus­sor­tiere, schaut Paula einen Film von der mit­ge­brach­ten por­ta­blen Festplatte auf dem gro­ßen Fernseher. Gegen 22 Uhr gehen wir schlafen.

 

Rodeln im Folkeparken

Sonntag, 26. Februar

Am näch­sten Morgen müs­sen wir beide erst ein­mal aus­schla­fen, schließ­lich sind wir im Urlaub und nicht auf Dienstreise. Ein Blick aus dem Fenster lädt zu Freiluft-Aktivitäten ein, aber vor­her soll­ten wir viel­leicht was früh­stücken. Eine kurze Inspektion der Küche schließt mit der Bewertung: Top Ausstattung! Alles da, was man zum niveau­vol­len Kochen braucht, und weit über FeWo-Durchschnitt. Ein kur­zer Blick in den Mülleimer bzw. den Recycling-Cluster läßt mich stau­nen. Bislang dachte ich immer, wir Deutschen wären Weltmeister im Mülltrennen. Aber gegen das, was unsere Gastgeber hier abzie­hen, sind wir nur Kreisklasse. Bei uns daheim fin­det man übli­cher­weise 3 – 4 ver­schie­dene Behälter: Papier, gel­ber Sack, Bio und Restmüll. Hier gibt es noch zwei wei­tere: Tetra-Packs und Plastiktüten. Dazu kommt noch Glas, aber das ken­nen wir von zu Hause auch. Norwegen gewinnt den Müll-Trenn-Contest mit 7:5.
Nachdem wir uns in aller Ruhe gestärkt haben, schaut Vermieter Björn auf dem Weg zur Arbeit kurz bei uns vor­bei. Er will wis­sen, ob wir zufrie­den sind und alles haben, was wir brau­chen. Daumen hoch läßt Wikinger strah­len. Ich erzähle ihm, daß wir nebenan in den Folkeparken gehen wol­len und frage, ob wir bei ihm einen Schlitten aus­lei­hen kön­nen. Wir dür­fen aus dem gro­ßen Fuhrpark sei­ner Kinder aus­su­chen, was uns gefällt. Paula ent­schei­det sich für eine Art Turnhallenmatte, auf der man zwar sehr bequem sit­zen, aber kaum gescheit steu­ern kann. 10 Minuten Fußweg sind es bis zum gar nicht mal so klei­nen Rodelhang in Tromsøs west­lich­ster öffent­li­cher Grünanlage. Meine Tochter und ich sind heute mor­gen die ein­zi­gen Leute in der tief­ver­schnei­ten Parklandschaft. Und ich muß zuge­ben, daß das Rodeln mit der Matte gerade wegen der ein­ge­schränk­ten Steuermöglichkeiten beson­ders Spaß macht. Wenn nur nicht das stän­dige Hochlaufen zum Startpunkt wäre!
Das Mittagessen fällt heute recht klein aus, da wir am Abend noch in der Stadt essen gehen wol­len. Wir star­ten zu einer kur­zen Stadtrundfahrt, um die Lage und vor allem die Preise ver­schie­de­ner Restaurants zu erkun­den, die ich bereits zu Hause „gebook­mar­ked“ hatte. Unser Auto stel­len wir Downtown ab, wo der kom­plette Parkraum nur gegen saf­tige Gebühren benutzt wer­den kann. Umgerechnet 8 Euro pro Stunde, die dazu not­wen­di­gen nor­we­gi­schen Münzen wie­gen ein knap­pes Pfund. Und wer hat schon immer so viel Klimpergeld dabei?
Aber wofür gibt es schließ­lich Handy-Apps? Das groß­fres­sige Logo des loka­len Anbieters prangt ja über­all. Blöd nur, daß diese Parking-App im deut­schen Store von Google Play auf­grund von geo­po­li­ti­schen Beschränkungen nicht her­un­ter­ge­la­den wer­den kann. „Einmal mit Profis arbei­ten!” denke ich und habe einen Hals wie ein Pferd, weil ich nun immer einen Klumpen Gold mit mir her­um­schlep­pen muß. Denn trotz aller son­sti­ger Modernität der nor­we­gi­schen Infrastruktur kön­nen etwa drei Viertel der hie­si­gen Parkautomaten weder meine Kredit- noch die EC-Karten lesen.
Nach dem wegen Kleingeldmangels recht kurz aus­ge­fal­le­nen Stadtbummel fah­ren wir auf eigene Faust zur Husky-Farm, wo wir am Nachmittag eine Hundeschlittentour geplant haben. Normalerweise holen einen sämt­li­che Anbieter geführ­ter Outdoor-Aktivitäten mit einem eige­nen Shuttlebus im Stadtzentrum von Tromsø ab. Da ich jedoch weiß, wo sich unser Ziel befin­det, brau­chen wir die­sen Service heute nicht.
Bei der Huskyfarm ange­kom­men, erwar­tet uns bereits Besitzerin Hege, die ich noch von 2015 wie­der­erkenne. Kurz nach uns tref­fen auch die ande­ren Gäste ein, und alle wer­den wie für eine Antarktis-Querung ein­ge­klei­det, wodurch sich unser Körperumfang min­de­stens ver­dop­pelt. Danach folgt eine kurze Einweisung durch die deutsch­spra­chige Tourleiterin. Die die in Englisch vor­ge­tra­ge­nen Instruktionen wer­den in Kurzform noch­mal für Paula über­setzt. Nett!
Die Hundeschlitten sind vor­be­rei­tet, und die anmu­ti­gen Tiere war­ten bereits sehn­süch­tig auf die Tour. Paula hat sich auf der Sitzfläche unse­res Gefährts in eine dicke Decke ein­ge­mum­melt, ich stehe als Musher hin­ten auf den Kufen. Kurz vor dem Start schwillt das Gebell der Hunde auf infer­na­li­sche Lautstärke an, um dann abrupt zu ver­eb­ben, als sich unser Schlitten in Bewegung setzt. Jetzt sind die Huskies in ihrem Element und zie­hen uns durch eine traum­hafte Winterlandschaft, die aus­sieht wie gemalt. Ein tol­les, fast medi­ta­ti­ves Erlebnis, das durch die inten­si­ven Farben des Sonnenuntergangs noch gestei­gert wird. Paula genießt eben­falls die etwa andert­halb­stün­dige Fahrt, nur am Ende wird ihr trotz der dicken Verpackung doch etwas arg kalt. Wir ver­zich­ten darum sogar auf den Snack zum Kaffee, der im Anschluß an die Tour im Basecamp ser­viert wird und fah­ren nach dem Füttern der Hunde und einem Foto mit unse­rem Gespann rela­tiv zügig wie­der nach Hause.
Dort gönnt sich die völ­lig durch­ge­fro­rene Polly erst ein­mal heiße Dusche. Nachdem auch ich mir das Hundearoma vom Körper gespült habe, machen wir uns stadt­fein für unser Abendessen im O’Learys Pub. Die Hütte ist heute abend rap­pel­voll, denn im TV läuft das Top Spiel der eng­li­schen Premier League. Fräulein Hühn möchte Fleisch essen, denn sie hat rich­tig Kohldampf und wählt darum ein 250g Rib-Eye-Steak, das sie dann auch kom­plett ver­putzt. Ich nehme im Andenken an die erste Wintertour mit mei­nem Sohn Johannes den Burger des Hauses. Weil es aber hier so voll und laut ist, machen wir uns recht bald nach dem Essen wie­der auf den Heimweg und schauen in unse­rer Ferienwohnung einen Film von der mit­ge­brach­ten Festplatte. Dazu gibt’s Totenflak-Chips (nur wegen des Namens gekauft) und Fanta. Gegen 23 Uhr endet der zweite Urlaubstag.

mit dem Hundeschlitten durch Kvaløya

Seiten: 1 2 3

image/svg+xml

Menü